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  • Dr. Edith Öller

Der Nachteil von klimaneutral

Wie jetzt? Klimaneutral ist doch gut - oder etwa nicht?


Immer öfter stolpern wir über der Begriff „klimaneutral“ in der Kommunikation von Unternehmen - in Werbung, auf Verpackungen, auf Websites, in CSR Berichten, etc. Wer heute nicht schon von gestern sein will, läßt sich „klimaneutral“ zertifizieren. Grundsätzlich funktioniert das folgendermaßen:


Das Unternehmen erstellt (meist mithilfe eines Zertifizierungsberaters oder einer zertifizierenden Stelle) einen „Carbon Footprint“. Die Emissionen von Treibhausgasen (THG) werden dabei in Tonnen Co2 equivalent (tCO2e) umgewandelt. Es gibt hier übrigens kein einheitliches Zertifikat, sondern verschiedene zertifizierende Stellen/Institute/Berater (unter anderem z.B. TÜV) - zugrunde liegt der Standard PAS 2060. Zuvor werden noch die Systemgrenzen abgesteckt - d.h. es wird definiert, was genau gemessen wird. Soll nur ein Produkt zertifiziert werden, ein Standort, eine Organisation etc. Für eine klimaneutral Zertifizierung genügt übrigens der Fokus auf Scope 1 & 2 Emissionen. (Siehe auch: Back to basics - scope 1, 2, 3). D.h. im wesentlichen auf direkte Emissionen aus den eigenen Anlagen und dem eigenen Fuhrpark, sowie Emissionen aus der Erzeugung von zugekaufter Energie für Wärme/Kälte/Strom.


Der im Normalfall größte Teil der Gesamtemissionen, die Scope 3 Emissionen, werden dabei meist nicht berücksichtigt. Diese umfassen alle restlichen Emissionen wie z.B. aus der Produktion und dem Transport von Vormaterialien, aus der Erstellung von Anlagen und Gebäuden, aus der gesamten Vertriebskette und der Verwendung und Entsorgung des Produktes.


Im Zuge der Zertifizierung wird auch ein Qualifying Explanatory Statement erarbeitet, das eine Strategie zur Verminderung von THG enthält. Alle (noch) vorhandenen Emissionen innerhalb des Betrachtungsraumes werden dann durch den Kauf von Carbon Offsets „neutralisiert“. Das Ergebnis ist ein „klimaneutral“ Zertifikat (wie gesagt, es gibt leider kein einheitliches, sondern institutsbezogene Zertifikate). Also hier nochmal im Schnelldurchlauf:


- Definition der Systemgrenzen (z.B. Organisation / Produkt etc.)

- Erstellen eines Carbon Footprints

- Erarbeitung eines Qualifying Explanatory Statements (QES)

- Kauf von Offsets


Der Prozess wird dann im Normalfall jährlich wiederholt, und Ziel ist es, durch eigene Emissions-Reduktion über die Zeit weniger Offset-Zertifikate ankaufen zu müssen um „klimaneutral“ zu sein.


Für den Großteil der Dienstleister und Produzenten (die mit Vormaterialien arbeiten) heißt das Umstieg auf E-Mobility in der Fahrzeugflotte & Umstieg auf erneuerbare Energien für Strom und Heizung - und ein kleiner Teil bleibt dann noch für Offsets, fertig!


Grundsätzlich ist es zu befürworten, dass sich Unternehmen mit ihrem Carbon-Footprint auseinandersetzen, und Klimaneutralität kann ein guter erster Schritt sein. Der Nachteil von klimaneutral ist aber leider, dass es nicht wirklich klimaneutral ist. Für den Endkonsumenten ist „klimaneutral“ also ganz einfach irreführend. Der Großteil der vor- und nachgelagerten Emissionen (Scope 3) wird im Regelfall einfach ausgegrenzt - und das sind lt. Daten des GHG Protocol immerhin rd. 76%.


Daher sollten alle Unternehmen, die wirklich etwas bewegen wollen und auch in Zukunft die Nase vorne haben wollen weiter denken und ihren Scope erweitern - auch wenn es hier schwieriger wird Daten zu erheben, und vor allem wirklich etwas zu bewegen. In Scope 3 muss in Wertschöpfungsketten und Netzwerken gedacht werden, der Kunde muss ins Zentrum rücken, aber vor allem liegt hier das Potential für echte nachhaltige Geschäftsmodellinnovationen.






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